Vielleicht war es die Einsamkeit die ein Land unvergleichlich steriler Idylle wie die Schweiz in mir erzeugte, vielleicht war es auch die Leere die mein Exfreund dort hinterlassen hatte. Ich weiß nicht mehr warum und wie die Geschichte mit Sulil begann und ich weiß auch nicht mehr wie sie endete. Ich erinnere mich nur noch an den Teil dazwischen und dort, in diesem zentralen Teil der Geschichte von Sulil und mir, erinnere ich mich insbesondere an ein Sofa das sich dort abhebt wie der metaphorische Mund im Portrait der Mae West von Dali.

Allerdings ist das Sofa an das ich mich erinnere kein besonderes Möbelstück, im Gegenteil: es ist eines dieser mittelgroßen und einfachen Schlafsofas die in allen größeren Möbelhäusern der Welt erhältlich sind. Warhol hätte dieses Sofa sicherlich nicht inspiriert.

Ein paar Monate nachdem ich begonnen hatte mich mit ihm zu treffen, verließ ich Sulil und die Schweiz und kehrte nur noch zurück, wenn es sich nicht vermeiden ließ. Während dieser Anlässe wohnte ich in Pierres Gästezimmer. Pierre war ein guter Freund, ein ehemaliger Kollege und eine der ersten Bekanntschaften die ich in der Schweiz gemacht hatte. Pierre kannte Sulil nur aus der Perspektive seines Wohnzimmerfensters aus dem er ihn manchmal missbilligend beobachtete nachdem Sulil geklingelt hatte und auf dem Bürgersteig gegen die angrenzende Hauswand gelehnt auf mich wartete. Und zu Pierres Ärger klingelte Sulil fast jeden Abend während ich dort war.

Solange Pierre anwesend war, stand es außer Frage Sulil heraufzubitten. Aber wenn Pierre nachmittags oder abends unterwegs war, nutzte ich das und ausschließlich das Sofa für meine Treffen mit Sulil. Pierre gegenüber verschwieg ich diesen Umstand weil ich wusste, dass Pierre auch während der Jahre die wir uns inzwischen kannten seine Schwierigkeiten mich nur als guten Freund wahrzunehmen nicht hatte überwinden können.

Daher hatte ich anfangs Bedenken Pierres Sofa und damit auch seine Gastfreundschaft zu missbrauchen. Aber meine Skrupel wurden schnell durch eine gewisse Gewohnheit ersetzt. Denn um Missverständnissen vorzubeugen, wollte ich es vermeiden mit Sulil erneut meinen Schlafplatz zu teilen. Den hatte ich seit einiger Zeit für meinen zukünftigen festen Freund reserviert.

Ein Sofa bietet Personen die sich etwas Nähe wünschen einen unverbindlichen Kompromiss sich näher zu kommen. Dabei vergisst man nie, das man früher oder später aufstehen und sich vom Sofa entfernen wird.

Ein Sofa kann heimelig sein hat aber auch eine sehr unpersönliche und distanzierende Komponente und wirkt unter Umständen sogar als Provisorium perpetuum. Als ich noch in München wohnte hatte ich einmal einen Freund namens Mehmed, der nach seiner Scheidung für mehrere Jahre ausschließlich auf den Sofas seiner Freunde schlief. vielleicht macht Mehmed das heute noch, vielleicht hat seine Frau ihn aber auch zurückgenommen. Ich weiß es nicht, weil ich irgendwann nach Barcelona zog um zu studieren und ich wie die meisten Menschen mit wachsender räumlicher und zeitlicher Distanz zunehmend beginne, meine privaten Kontakte zu vernachlässigen. Ich bewundere Menschen die das nicht tun. Einige von ihnen wohnen tausende von Kilometern von mir entfernt und ich habe sie seit Jahren nicht gesehen. Dennoch stehen sie mir nahe. Mich an sie zu erinnern macht mir gute Laune und ich schätze mich glücklich, sie bis
heute zu meinem Freundeskreis zählen zu dürfen.

Sulil aber gehört nicht dazu. Er war das, was ich seither unter einer Sofaliebe verstehe.

Anmerkung: mit einer Ausnahme wurden die Namen der hier involvierten Personen nicht nur aus Gründen des Datenschutzes geändert.

Sofaliebe

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